Kunst und ihre Didaktik
* 1965
Von der Bildung des Menschen zur Bildung der Communities?
[Abstract – Beitrag zur internationalen Forschungskonferenz „I hoch 4 - Interaktivität / Information / Interface / Immersion“, FAMe – Frankfurt / Forschungsnetzwerk Anthropologie des Medialen, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M., Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, 26.-28.10.2007]
Das Buch war nicht nur in metaphorischem Sinn das bevorzugte Behältnis der großen Erzählungen. Mit der massenhaften Reproduktion des druckbaren Wissens nahm auch die große Erzählung von der „Bildung des Menschen“ ihren Lauf. Das humanistische Großprojekt und das graphosphärische Wissensmanagement bedingen einander.
In seinem „Bericht“ über das postmoderne Wissen hatte Lyotard jedoch schon geahnt, was in der „informatisierten Gesellschaft“ – nun in der Version 2.0 – wirklich und wirkend geworden ist: Das alte Prinzip, wonach der Wissenserwerb unauflösbar mit der Bildung des Geistes und selbst der Person verbunden ist, verfällt mehr und mehr. Wissen wird zu etwas Äußerlichem, zum Ding und zur Ware. Davon bleibt die „Natur des Wissens“ – so Lyotard – nicht unbehelligt und auch die Institutionen, die das Wissen produzieren, und jene, die das Wissen transportieren, bleiben nicht unbehelligt.
Aus mediologischer Perspektive sind deshalb die Universität, die Schule, das Museum (und auch die Familie) als „Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens mit dem Auftrag, das geistige Vermächtnis lebendig zu halten“ (Debray), vor einige Herausforderungen gestellt. Der virtuelle Campus und die Schule am Netz (noch vielmehr das Internet im Kinderzimmer) haben nicht einfach nur mit neuen Kanälen für Texte, Bilder und Töne zu tun, sondern auch mit neuen „Gesten“ (Flusser) des Archivierens und den davon eingerahmten Formen des Wahrnehmens und des Wissens.
Dabei lässt sich beobachten: Das Verhältnis zwischen den Medien der Verbreitung von Wissen im Raum (Ubiquität) und den Medien der Verbreitung von Wissen in der Zeit (Historizität) wird zunehmend prekär. Die digitalen Infrastrukturen vergrößern die territoriale Reichweite (Globalisation), verkürzen aber die chronologische (Paideia). Die Gestalt der Zeit strebt in der digitalen Mediosphäre zum Punkt. Der Event und seine Performanz bestimmen die Gültigkeit von Wissen. Mit den Erzählungen von der Aufklärung und der Emanzipation, der Geschichte, dem Fortschritt, dem Diskurs der Wahrheit und der Vorstellung vom Wissen schaffenden Subjekt als kartesischem cogito hat das immer weniger zu tun.
Wenn in der Folge das Individuum als erkenntnistheoretisches Paradigma an Bedeutung verliert zugunsten des Wissen schaffenden Projekts und der sich darum bildenden Community, kann oder muss dann gar über eine Grund legende „Theorie der Bildung der Communities“ nachgedacht werden – mit der gleichen Tragweite, wie über die (auch anthropologischen) Grund legende „Theorie der Bildung des Menschen“ (Humboldt) nachgedacht wurde?
Zwischen Kanal und Lebens-Mittel: pädagogisches Medium und mediologisches Milieu
[Abstract zum Vortrag auf dem Theorie-Forum 2007 der Kommission Medienpädagogik der DGfE, 6./7.7.2007, Darmstadt: In Medias Res! Was ist ein pädagogisches Medium?]
Mittel, Mittler, Vermittlung, Milieu – was ist ein Medium? Die grundlegendste Definition des Mediums ist wohl die des „Dazwischen“. Zwischen Sender und Empfänger zum Beispiel der Kanal: Ein passives technisches Werkzeug oder Instrument für die – zumeist intentional ausgerichtet gedachte – Übertragung und Verbreitung von Information.
Jenseits der Kanal-Metapher kann Medium in Form einer konstitutiven Aktivität eines „informellen Dazwischen“ (Debray) gedacht werden. Von der „Prägekraft der Medien“ (Krämer) ist die Rede, vom Medium als Milieu. Gemeint sind die gegenseitigen Bedingungen und Verflechtungen von Kultur, Kommunikation und Technologie, die im Großmaßstab zum Beispiel von der Medientechnologie des Buchdrucks zu einer „Graphosphäre“ als epochenspezifischem Set von Bedingungen kognitiven, kommunikativen und sozialen Prozessierens führen.
Nicht zuletzt – weil es nämlich die „Kernfrage der menschlichen Kommunikation überhaupt“ (Flusser) betrifft – kann die Paideia selbst als ein „Zwischen“ den Generationen gedacht werden, als Prozess, der die Übertragung von Informationen aus dem Gedächtnis der einen Generation in das Gedächtnis der ihr folgenden ermöglicht.
Medien verteilen Informationen nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. In der gerade angebrochenen digitalen Mediosphäre ist der Raum global geworden, die Zeit aber auf den Punkt fokussiert. Umso dringender also die Frage: Was ist ein pädagogisches Medium?
Mediologie als Methode
Nachtrag: Im Mai hatte ich an der mit einem gleichnamigen Publikationsprojekt (siehe cfp) verbundenen Tagung Mediologie als Methode an der Humboldt Universität Berlin teilgenommen. Vertreter ganz unterschiedlicher Disziplinen trugen vor zur Frage, ob und in welcher Weise Mediologie als Methode in den verschiedenen Fachgebieten angewandt werden kann.
Ich hatte in meinem Vortrag wieder einmal den grandiosen Sketch aus der norwegischen TV Show „Øystein & Meg“ eingesetzt, der auf so amüsante Weise zeigt, dass auch das Buch einmal ein “Neues Medium” gewesen ist.
Die per mediologischer Methode zu bearbeitende Forschungsfrage hatte ich ausgehend von ein paar recht weitsichtigen Bedenken Hartmut von Hentigs formuliert: „Können wir wirklich annehmen, dieses Gerät lasse sich in unsere Schulen holen – als neuer Unterrichtsgegenstand und als neues Unterrichtsmittel, ohne daß das Folgen [hat] für das Ganze, für den „Lehrplan des Abendlandes“, für unsere Auffassung von Bildung und Kultur [...]?“ (Hartmut von Hentig: Die Flucht aus dem Denken ins Wissen, in: Medien + Erziehung, Nr. 40, 6/1996, S. 330).
Ganz im Sinne dieser Bedenken gehe ich davon aus, dass es (und zwar erhebliche) Folgen hat, wenn wir „dieses Gerät“ in unsere Schulen (und Hochschulen) holen. Im Gegensatz zu Hartmut von Hentig gehe ich allerdings davon aus, dass es sich „dieses Gerät“ gar nicht mehr vermeiden lässt, weder in der Schule noch sonst irgendwo. Die Frage, die ich mittels mediologischer Methoden zu beantworten suche, kann ich in Anlehnung so formulieren: Was wird aus dem Lehrplan des Abendlandes, aus unserer Auffassung von Bildung und Kultur usw. jetzt, wo sich „dieses Gerät“ in unseren Schulen und Hochschulen nicht mehr vermeiden lässt?
Thomas Weber, mit Birgit Mersmann Initiator der Tagung und der Publikation berichtet (per mail): “Dabei kamen erstmals Vortragende aus allen deutschsprachigen Ländern sowie Redaktionsmitglieder einschlägiger mediologischer Publikationen (Cahiers de Mediologie, médium) aus Frankreich zusammen. Alle Beiträge (die Buchveröffentlichung ist für 2008 geplant) bemühten sich um eine interdisziplinär nachvollziehbare Darstellung und zeigten einen unerwartet breiten Basiskonsens der Teilnehmer, der einen mediologischen Ansatz als mögliche Perspektive für praktisch alle angesprochenen Disziplinen erkennen lässt – von der Religionswissenschaft bis hin zur Pädagogik, von der Rechtswissenschaft hin zur Soziologie und selbstverständlich auch der Medienwissenschaft. [...]
Die Beiträge entwarfen Gegenstandsbereiche, für die die Mediologie in besonderem Maße geeignet ist, führten paradigmatisch eine mediologische Analyse an einem Gegenstandsbereich durch oder betonten stärker den programmatischen Impuls der Mediologie für die etablierten Disziplinen und versuchten in der Applikation eines mediologischen Ansatzes auf ihre jeweiligen Fachgebiete auch das Programm der Mediologie zu hinterfragen. Dabei zeigte sich, dass alle Vortragen nicht von einer feststehenden Vorstellung von Mediologie ausgingen (also nicht versuchten, einer festgefügten Norm von dem, was Mediologie sei, zu entsprechen), sondern eigene programmatische Akzente setzten, was den offenen Charakter der Mediologie unterstreicht. [...]”
Die website www.mediologie.avinus.de wurde anlässlich der Tagung zu einem Forum des “Netzwerks Mediologie” ausgebaut, Till Nikolaus von Heiseler hat ein Tagungs-Wiki eingerichtet und er wird die Vorträge der Tagung auf der WebSite http://www.formatlabor.net/blog/ als Videostreams präsentieren (in einigen Wochen einsehbar).
ePUSH-Antrag erfolgreich
Endlich haben wir Gewissheit: Das Projekt ePUSH, an dessen Planung, Entwicklung und Beantragung wir seit fast einem Jahr gearbeitet haben, wird gefördert. Das haben das ELCH und die eCampus Lenkungsgruppe der BWF nun entschieden. In der ersten Runde der aktuellen Ausschreibungen zur nachhaltigen Implementation von eLearning und Multimedia in Lehre und Studium der Hamburger Hochschulen gehen damit zunächst 2 sogenannte “Leuchtturmprojekte” an den Start (neben ePUSH noch das Projekt “Beluga” der Hamburger Bibliotheken).

Kurz gesagt ist ePUSH ein Vernetzungs- und Integrationsprojekt, das innerhalb der Laufzeit von zwei Jahren Strukturen der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft zusammenführen, entwickeln und nachhaltig etablieren soll. Es ist im Wesentlichen damit befasst, in einem konzertierten Verfahren Vorfindliches zu sammeln, zu unterstützen, aufeinander abzustimmen und im Bedarfsfall zu ergänzen, um einen „Push“ auszulösen: Die Einsatzmöglichkeiten von ICT in Studium und Lehre an der Fakultät sollen durch Bündelung und Kommunikation ins Bewusstsein der Lehrenden und Lernenden gerufen und dadurch ein selbstverständlicher Umgang mit ICT befördert werden.
Nähere Info entsteht gerade unter http://mms.uni-hamburg.de/blogs/epush/
www.medialogy.de,
Torsten Meyer,
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