Prof. Dr. phil
Kunst und ihre Didaktik
* 1965


Review Wintersemester 11/12

Kurz bevor ich gedanklich auf das Sommersemester umschwenke, ein kleiner Rückblick auf das vergangene Wintersemester: Lehrveranstaltungen, Exkursionen, Tagungen usw. Ich beginne kurz vor Semesterstart: Während der vorlesungsfreien Zeit war unsere Haustischlerei fleißig und hat die Einbauten für den .mbr fertiggestellt, die wir in Auftrag gegeben hatten: Die Hocker über den Heizungen, die “Tribüne” mit Tischgarage, den Helpdesk usw. Das Design, das die bereits vorhanden Elemente integriert, ist Kollaboration-Werk, wesentlich von Konstanze und Timo. Damit war der .mbr endlich so ausgestattet wie wir es uns vorgestellt hatten und ging auch gleich auf internationale Tournee.


Das Konzept des .mbr als “multi-purpose learning environment” und „media art space“ wurde bei der 7th annual Designs on E-learning 2011 conference / Learning and Teaching with Technology in Art, Design and Communication an der Aalto University Helsinki (26.-30.9.2011, Kooperation mit University of the Arts London und der Penn State University) vorgestellt und im Fachpublikum ausführlich diskutiert.


street sign and subway hacking in Brooklyn by TrustoCorp.

Kurz darauf ging es gleich weiter auf internationalem Parkett. In New York City hatte Trebor Scholz vom 10.-16.10. 11 zur MobilityShifts – an International Future of Learning Summit an der The New School NYC geladen und gefühlt die komplette Fachwelt war gekommen. Unser Beitrag “media art space = open experimental learning space” sorgte dafür, dass wir vielerlei interessante Kontakte mit aller Welt knüpfen konnten und sich z.B. die National Library of Colombia bei der Einrichtung ihres digital library lab am Konzept des .mbr orientiert. Der Kongress insgesamt war für mich geprägt von einer merkwürdigen, aber ganz inspirierenden Atmosphäre von Aufbruch und Neuanfang (an der evtl auch die zeitgleich laufenden Occupy Wall Street Aktionen nicht ganz unschuldig waren).

Es mag speziell am Bildungssystem der USA liegen, dass gerade hier die Idee von Do-it-yourself-University und edupunk großen Anklang fand. Aber auch unabhängig von lokalen Randbedingungen braucht es nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, dass in nicht mehr so ferner Zukunft insbesondere Universitäten (aber im Prinzip auch Schulen) zu reinen Zertifizierungs-Anstalten verkommen (wenn sie sich nicht endlich ernsthaft mit den veränderten Medienkulturen und daraus folgenden Formen des Umgangs mit Wissen auseinandersetzen) und sich parallel dazu selbstorganisierte Communities als DIY Universities bilden (in denen sich Menschen bilden, ohne horrende Studiengebühren für völlig veraltete, weil fach- statt problembezogene Lehre zu zahlen). Jedenfalls war so eine Ungeduld in der Luft, eine Ungeduld mit diesen alten Institutionen der Bildung und ihrem Klammern an den Rahmenbedingungen buchgebundenen Wissensmanagements, das nicht mehr kompatibel ist mit dem real life. In diesem Sinne o.g. Tipp an die Digital Natives: occupy your future!!

Lehre


ArtEduCamp-Session zur “Zukunft der Kunstpädagogik”

In der Lehre gab es im Wintersemester zwei große Schwerpunkte: Zum einen das ArtEduCamp, zum anderen das Symposion WHAT’S NEXT? Das ArtEduCamp fand am 3.12.11 als Part 07 des BuKo12 – Bundeskongress der Kunstpädagogik 2010-2012 statt. Über die Veranstaltung selbst hat Michael Scheibel einen lesenswerten live-Bericht auf dem BuKo12-blog geschrieben: buko12.de. Um das Sinnvolle mit dem Nötigen zu verbinden, hatte ich eine Lehrveranstaltung angeboten, die das ArtEduCamp vorbereitete und den Erwerb von Teilnahme- und Leistungsscheinen möglich machte. Das haben – soweit ich sehe – die meisten Teilnehmer als Chance begriffen. Das ArtEduCamp war als offene und hierarchiearme Tagungsform dazu gedacht, insbesondere junge Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen – Studierende, Referendare und Nachwuchswissenschaftler – mit ihren Fragen, Visionen und kulturellen Horizonten zu Wort kommen und am Gesamtprozess Buko12 nachhaltig partizipieren zu lassen. Dennoch, es gab auch ein paar studentische Teilnehmer, die das Unternehmen als universitäre Pflichtveranstaltung missverstanden haben. Schade um die Chance! Die Rückmeldungen der aus dem ganzen Bundesgebiet (und sogar darüber hinaus) angereisten Teilnehmer waren aber insgesamt extrem positiv. Zum Gelingen dieser Veranstaltung haben neben dem bewährten .mbr-Event-Management-Team die Teilnehmer der Lehrveranstaltung ganz erheblich beigetragen. Deshalb an dieser Stelle nochmal ein ganz lautes Dankeschön an die Aktiven aus dem Kölner Seminar!!

WHAT’S NEXT?

Mit einem recht gut (auch von außerhalb der Uni) besuchten zweitägigen Symposion startete das Lehrprojekt WHAT’S NEXT? am 21/22.10.11. Auf dem Programm standen Kurzvorträge und Workshops der Lehrbeauftragten der sechs kooperierenden Lehrveranstaltungen sowie weitere illustre Gastreferenten: Aram Bartholl (Berlin), Matthias Böttger (Raumtaktik / DAZ Berlin), Holm Friebe (Zentrale Intelligenz Agentur, Berlin), Johannes M. Hedinger (Com&Com / ZHdK Zürich), Timo Meisel (Universität Köln / Berlin), Sebastian Plönges (Universität Hamburg /@autopoiet), Konstanze Schütze (Universität Köln / Dresden) und Wey-Han Tan (Universität Hamburg). Die Vorträge sind online zu sehen unter http://whatsnext2011.wordpress.com/vortrage/


Vortrag Matthias Böttger: WHAT’S NEXT? – Talking Futures: Räume von morgen

Nach dem Symposion wurde parallel in den einzelnen Lehrveranstaltungen weitergearbeitet. Dabei sind einige wirklich sehr gute Arbeiten entstanden und ich meine, ich hätte einige wirklich echte Bildungsprozesse bei einzelnen Teilnehmern beobachtet (was nicht immer automatisch gegeben ist, wenn universitäre Lehre veranstaltet wird). Die gegenüber dem Auftaktsymposion gesunkene Teilnehmeranzahl in den weiterlaufenden Veranstaltungen gibt mir allerdings zu denken. Eigentlich hatte ich dieses Unternehmen als Testlauf für Lehrprojekte gedacht, die in den höheren Semestern der neuen BAMA-Studiengänge die Modul-Struktur mit Sinn und Leben füllen sollten (indem ein Modul zu einem über 2-3 Semester laufenden Projekt gestaltet wird). Aber das scheint nicht überall auf fruchtbaren Boden zu fallen. Kann es sein, dass viele Studierende an das Studium eher pragmatisch herangehen und sich eher terminlich als inhaltlich zwischen Erwerbstätigkeit und Großstadtleben orientieren? Oder anders gefragt: Kann es sein, dass das Studium so organisiert ist, dass Studierende dazu neigen, das Studium eher pragmatisch zu sehen und sich eher terminlich als inhaltlich zwischen Erwerbstätigkeit und Großstadtleben orientieren? Daran ließe sich evtl etwas ändern zukünftig. (ich bitte um aufklärende Kommentare von Betroffenen!!)

Exkursion


Kölner Seminar in der Ausstellung “The Global Contemporary” (Foto: Sara Burkhardt)

Für meine Lehrveranstaltung im Kontext WHAT’S NEXT? endete das Semester mit einer Exkursion zur Ausstellung The Global Contemporary im ZKM Karlsruhe. Dort fand (wiederum als ein Part des BuKo12) ein HedoCamp statt. Bericht von Carina Herring dazu findet sich auf buko12.de. Aus meiner Perspektive war das ein ziemlich guter Abschluss des Semesters. Es konnten zwar bei weitem nicht alle offenen Fragen geklärt werden, aber es ist ja schon mal ein guter Schritt in die richtige Richtung, diese Fragen überhaupt einmal stellen zu können: WHAT’S NEXT? – Art Education?

BAMA

Neben diesen beiden eher mit Spektakeln verbundenen Lehrveranstaltungen gab es aber auch noch zwei ganz “normale”, bodenständige: Zum einen ein Seminar zur Einführung in Digitale Medien, Schwerpunkt: Video & Web. Die Veranstaltung ist für die erste Phase des BA-Studiums für Lehramt Kunst und den neuen Lernbereich Ästhetische Erziehung gedacht, in der durch Teilnahme an grundlegenden Veranstaltungen zur Gestaltungspraxis zunächst ein möglichst breiter Überblick über Verfahren und Techniken entstehen soll. Inwieweit das Konzept aufgeht und sich der gestalterische Horizont der Studierenden, die sich unter Kunstpraxis eher das vorgestellt hatten, was sie selbst als Schüler in der Schule erlebt hatten, um neuere und ausgefallenere Techniken erweitert, lässt sich zurzeit noch nicht sagen. Festzustellen ist im Moment, dass generell die traditionellen Werkverfahren öfter gewählt werden als die neueren und exotischeren. Bleibt abzuwarten, ob sich das durch unser Studienkonzept noch ändert. Wirklich zeigen wird sich das wohl erst in späteren Semestern. Zu Beginn des Studiums gehen Lehramtsstudenten wohl verständlicher Weise noch von einem Bild von Schule und Unterricht und eben auch Kunstunterricht aus, wie sie es als Schüler selbst erlebt haben. Worauf sonst sollte der Berufswunsch basieren? Für Fragen der Veränderung von Schule, von Schul- und Unterrichtsentwicklung werden sie erst in späteren Semestern empfänglich (obwohl ich mir auch zu Beginn schon alle Mühe gebe. Dem üblichen Imperativ der Schulkonservierer in der 2. Ausbildungsphase “Vergessen Sie alles, was Sie an der Uni gehört haben! Wir zeigen Ihnen jetzt, wie Schule geht.” versuche ich zuvorzukommen, indem ich gleich zu Beginn des Studiums vorschlage: “Vergessen Sie alles, was Sie bislang über Schule zu wissen glaubten. Science Fiction! Stellen Sie sich vor, Sie sind 35 Jahre alt und Lehrer an einer Schule des 21. Jahrhunderts!”)

Aber zurück zum Seminar: Es ist – vor allem wegen meines großartigen Videotutors Eike – auch in großer Gruppe von 26 Teilnehmern gut gelaufen. Die Befürchtung, dass mit dem extrem stark nachgefragten Lernbereich Ästhetische Erziehung (15 Plätze/Jahr geplant, 139 Studierende real im 1. Sem.) minderbegabte Studierende sich ohne Aufnahmeprüfung ins Kunst-Studium schleichen, kann ich nicht bestätigen. Das Verhältnis von wirklich Guten zu den Durchschnittlichen hat sich meiner Wahrnehmung nach nicht wesentlich verändert. Eher habe ich den Eindruck, dass die ÄE-Studierenden noch etwas offener gegenüber “anderen” Medien sind als die “klassischen” Kunst-Studierenden.

Lieblingsseminar

Mein Lieblingsseminar war aber (wieder einmal) das Seminar mit dem umständlichen Titel, dessen Konzeption ich mir bei Karl-Josef Pazzini abgeguckt habe: Entwicklung kunstpädagogischer Fragestellungen aus der eigenen künstlerisch-medialen Praxis. Für die Teilnehmer ist das Seminar recht arbeitsintensiv. Sie müssen sich Gedanken machen über den als Schüler erlebten Kunstunterricht, die Bilderkarriere an den Wänden der eigenen Wohnung, dem eigenen künstlerischen Schaffen, den Berufswünschen zwischen Lehrer und Künstler und all das miteinander zusammenbringen vor dem Hintergrund der Frage: Was kann ich? – Kein anderes Seminar ist so intensiv und führt zu so guten Gesprächen, Gedanken, konkret sichtbaren Bildungsprozessen wie dieses. Ich bin immer wieder begeistert. Das ist genau das, was ich mir vorgestellt hatte, als ich beschloss, Universitätsprofessor zu werden.
Einerseits schade, dass das Seminar nicht so viel nachgefragt ist. Andererseits funktioniert es auch gar nicht mit allzu vielen Teilnehmern. Es braucht schon eine gewisse Vertrautheit untereinander, um die o.g. Fragen ernsthaft zuzulassen. Dennoch, wünschen würde ich solche Seminare jedem Lehramtsstudierenden. (Solche Seminare übrigens wären es, die die Universitäten – s.o. – davor bewahren können, zu reinen Zertifizierungs-Anstalten zu werden.)

Forschung usw.

Neben der Lehre haben wir es endlich geschafft, die Neuauflage der Reihe Kunstpädagogische Positionen auf den Weg zu bringen. Nach vielen Versuchen mit Druckereien und Verlagen kann man nun unter mbr.uni-koeln.de/kpp sowohl die alten Heftchen aus Hamburg als auch die neuen aus (zukünftig) Hamburg, Köln und Oldenburg kaufen (Papier) oder downloaden (PDF).

Und so ganz nebenbei und für die meisten ganz unbemerkt haben Timo, Konstanze und ich dann noch einen ziemlich guten Forschungsantrag entwickelt und im November beim European Research Council eingereicht. (Bitte Daumen drücken für die Bewilligung!!) Damit wir wissen, was wir in den nächsten Semestern zu tun haben …

2 Kommentare »

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  1. In Gießen haben wir das Problem mit mehrsemestrigen Veranstaltungen ebenfalls. Die Bilanz ist ernüchternd: Nur wenige Studierende kommen über zwei Semester, und wenn in der Fortsetzungsveranstaltung dann neue Leute auftauchen, fehlt ihnen die mit den anderen gemeinsam erarbeitete Basis. Als Grund wird fast immer die Modulstruktur des Studiums genannt. Die ist zwar oft wirklich hinderlich, aber ich vermute, dass sich auch manche hinter dieser allgemein anerkannten Argumentation verstecken, wenn sie eigentlich andere Gründe haben.

    Comment by Marc Fritzsche — 22. Februar 2012 #

  2. Unsere Erfahrungen in Darmstadt sind uneinheitlich. Im Folgesemester ging die Zahl gerade in der Vor-Modularisierungszeit ziemlich in den Keller, weil die Studierenden da noch absolut in 1 semestrigen Einzelveranstaltungen dachten. Die Modulstruktur erlaubt prinzipiell eher, dass die Studis sich gleich auf eine Abfolge von Veranstaltungen einstellen, zumal wenn dies bedeutet, dieses Modul auch tatsächlich so komplett in zwei Semestern abschließen zu können.
    Zeitprobleme gibt es natürlich dennoch immer, wenn die Folgeveranstaltung sich terminlich mit anderen wichtigen Pflichtveranstaltungen überschneidet.
    Ich hab auch den Eindruck, dass oft die angeblich so restriktive Modulstruktur als Grund allen Übels herhalten muss – wo es eigentlich um Gründe geht, die nicht so schön kommunizierbar sind und für die man selbst einstehen müsste.

    Comment by Werner Sesink — 22. Februar 2012 #

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