Fragen zur Kunst (documenta-dock.net)

Bernhard Balkenhol fasst die grundlegende Idee des Konzepts quasi schlüssig zusammen: „Gegenwartskunst ist eigentlich nicht schwer zu vermitteln, weil man selbst ja Bestandteil dieser Gegenwart ist. Wenn man diese Gegenwart als Gegenwart ernst nehmen würde, hätte man wahrscheinlich weniger Probleme, diese Kunst ernst zu nehmen und damit die Kunst auch zu verstehen.“

Er meint das zwar gar nicht explizit bezogen auf das Projekt Fragen zur Kunst, sondern antwortet allgemein auf die Frage „Warum ist zeitgenössische Kunst so schwer zu vermitteln?“ Aber für das Konzept des Projekts passt es auch: Aktuelle Medientechnologie wird genutzt, um Zugänge zur aktuellen Kunst zu schaffen. Die Gegenwart wird als Gegenwart ernst genommen, indem Gegenwartsmedientechnologie verwendet wird, um Gegenwartskunst zu vermitteln.

Die interaktive, datenbankbasierte Flash-Anwendung beinhaltet insgesamt fast 700 kurze Video-Antworten von mehr als 100 Menschen auf 250 Fragen, die sich höchst vielfältig um Gegenwartskunst im Allgemeinen und um die documenta12 im Speziellen drehen. Dass es sich dabei um Video- und nicht etwa um Text-Botschaften handelt, muss man als Adressatengerechtigkeit gegenüber der Youtube-Generation verstehen. Das Projekt will die spezifischen Möglichkeiten und Modalitäten, die das Internet bietet, nutzen, um die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit Gegenwartskunst zu fördern. Gegenwärtige Jugendliche gehören zur Youtube-Generation. Für die Ureinwohner der digitalen Videosphäre ist Video vom user-created clip und machinima über creative mashups bis zu den ubiquitären Clips aus News und TV-Programmen das populäre Medium der Alltagskommunikation. Video is everywhere! Die Zielgruppe der Schüler wird es entsprechend danken. (Und gemäß den Trend-Vorhersagen des Horizon Report 2008, der „grassroot video“ als für Studium und Lehre besonders relevante Technologie im „one year or less“ Adoption-Horizon ansieht, gehört die Kunsthochschule Kassel mit solchen Projekten wohl zu den Fackelträgern des technology enhanced learning unter den deutschen Hochschulen)

Die riesige Menge an Video-Interviews, die das Projektteam – bestehend aus Joel Baumann, Dirk Pörschmann, Tanja Wetzel als Lehrende der Kunsthochschule Kassel und 15 Studierenden der Kunst- und Medienpädagogik, der Neuen Medien und der Kunstwissenschaft – zusammengetragen hat, ist zwar zunächst erschlagend und führt bei unsachgemäßer Benutzung möglicherweise dazu, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Das ist aber eine Frage von Rezeptionsgewohnheiten. Wolfgang Ernst hat das einmal sehr schön formuliert: „sich in einem Labyrinth verirren zu lernen ist die Option einer künftigen Kulturtechnik, jenseits der Archive und als Form einer Reise, deren Ziel man erst kennenlernen muß – destinerrance im Sinne Derridas.“ (Wolfgang Ernst: Das Rumoren der Archive. Ordnung aus Unordnung, Berlin 2002, S. 131f.)

Auch diese Parallele zwischen Gegenwartskunst und Gegenwartsmedienkultur finde ich interessant. Wie Wolfgang Ullrich für die Rezeption aktueller Kunst, in der das Bild vor allem im Plural vorkommt, empfiehlt, müssen auch hier die „Besucher [Benutzer] lernen, das Gezeigte als Angebot zu begreifen, dessen Qualität sich nicht erst erfüllt, wenn es im Ganzen wahrgenommen wird, sondern das ähnlich zu rezipieren ist wie ein gefülltes Warenhausregal: Man lässt sich vom Gesamtbild beeindrucken, staunt über die Inszenierung und nimmt sich im Übrigen, was einen gerade interessiert. Und so wenig ein schlechtes Gewissen hat, wer einen Laden nicht leerkauft, so wenig sollte es jemand als Versäumnis empfinden, nicht alle Bilder eines Tableaus und ein Videofilm nicht in seiner Gesamtlänge angeschaut zu haben.“ (Wolfgang Ullrich: Tiefer hängen. Über den Umgang mit der Kunst, Berlin: Wagenbach 2003, S. 86f)

Die documenta12 ist zwar schon länger vorbei (die Leiterin der documenta13 gerade gefunden), dennoch sei insbesondere Lehrern oder auch Hochschullehrern, die ihre Schüler oder Studenten mit Gegenwartskunst beschäftigen wollen, und dabei im Sinne Bernhard Balkenhols die Gegenwart als Gegenwart ernst nehmen wollen und also nicht meinen, die Gegenwartskunst aus der Vergangenheit erklären zu müssen, das Portal Fragen zur Kunst als Recherche-Pool für das selbsttätige Verirren-Lernen der Schüler/Studenten wärmstens empfohlen: Neben einigen engeren Bekannten aus der Kunstpädagogik – Karl-Josef Pazzini, natürlich Ullrich Schötker, … –, aus der Kunst und benachbarten Disziplinen – natürlich Roger M. Bürgel, auch Ex-Documentaleiter Jan Hoet, der unvermeidliche Bazon Brock, viele, viele Künstler, darunter der höchst erfrischende Armin Chodzinski – kommen auch Menschen aus weiter entfernten Disziplinen und Lebenszusammenhängen zu Wort: Journalisten, Schauspieler, Pastoren, Sozialwissenschaftler usw.: Bernhard Hoecker, Juli Zeh, the scary guy, … (sehr gut, nebenbeibemerkt, dass sich die einzelnen Videos direkt per URL adrressieren und damit z.B. auch bei del.icio.us o.ä. sozial verschlagworten lassen).

Der Soziologe Dirk Baecker bringt bei seiner Antwort auf die Documenta-Leit-Frage „Ist die Moderne unsere Antike?“ seine Studien zur nächsten Gesellschaft ins Spiel: „Wir sind im Moment dabei, den Wandel von der Buchdruckgesellschaft – das nennen wir die ‚moderne Gesellschaft’ – zur Computergesellschaft mehr oder minder mühselig hinzubekommen.“ – Das Projekt Fragen zur Kunst kann (zum Beispiel Kunstlehrern) dabei ein wenig helfen …

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