Welt als solche sieht man nicht

Ästhetik verstehe ich vor allem als Frage nach Darstellung und auch nach Darstellbarkeit. Darum ist auch das, was nicht wahrgenommen werden kann, weil es unsichtbar (z.B.), jedenfalls nicht problemlos darstellbar ist, ein Thema Ästhetischer Bildung.
Schwer darstellbar zum Beispiel ist das, was oft leichtsinnig „Globalisierung“ genannt wird. Jacques Derrida weigert sich schon, nur das Wort „globalization“ zu verwenden. Er beharrt auf dem frz. „mondialisation“, das er als dt. „Weltweit-Werden“ wiedergibt. Er beharrt auf eine „Welt [monde, world, mundus], die weder der Kosmos, noch der Globus, noch das Universum ist.“ (Die unbedingte Universität, S. 11)
Die zentralperspektivische Version des Weltweit-Werdens, der Globus als fassbare Repräsentation, funktioniert nicht mehr. Der „Globus“ und die „Globalisierung“ suggerieren eine abstrakte Vogelperspektive, die mit den Details und den Differenzen nichts zu tun haben will. Derridas „Weltweit-Werden“ hingegen impliziert ein Anerkennen von Pluralität und damit verbundener Heterogenität der Kulturen.

Was wären angemessene Formen der Visualisierung des Weltweit-Werdens? world population:one, von dem ich hier berichtete, zeigt ganz eindrucksvoll „the world population as pixels“. Ähnlich, aber ästhetisch doch ganz anders wirksam präsentiert Stan’s Cafe Theatre Company mit Of All The People In All The World die Welt mithilfe von Reiskörnern. Ein Reiskorn für einen Menschen, 6,4 Mrd. Reiskörner für die Weltbevölkerung … „Nie waren die politischen und sozialen Wahrheiten der Welt poetischer zu sehen“ – behauptet die Ankündigung für die Installation in Hamburg (August 2008 Kampnagel; Alte Börse – Handelskammer) – „Es gibt die Berge der Lebenden und die Hügel der Toten. Es gibt den riesigen Berg der Menschen, die heute bei McDonald’s essen werden, und das Vorgebirge der Menschen, die bei Greenpeace Mitglied sind. Die andenförmige Gebirgskette dahinten, das sind die Menschen, die kürzlich beim European Song Contest zugesehen haben.“ (Die Zeit, vom 23.06.2005) – Das klingt nach Ästhetischer Bildung des Weltweit-Werdens …

Im August 2008 auch auf Kampnagel zu sehen!!

2 Gedanken zu „Welt als solche sieht man nicht

  1. Wey

    Vielleicht ist in diesem Zusammenhang ein Artikel von Stefan Höffken aus der Telepolis interessant: „Die Demokratisierung der Gottesperspektive“ (17.8.2008).
    http://www.heise.de/tp/pdanews/28483.html
    Der Blick durch Google maps und earth auf Geografie und Architektur wird zurückgeworfen, die Welt spiegelt sich im Internet – und fängt an, sich zurecht zu machen.
    Dass aus der Totalen durch heran zoomen durchaus auch gesellschaftspolitische Differenzen ablesbar sind, zeigt sich z.B. durch die Bilder von Herrschaftssitzen in Bahrain, bei Katastrophengebieten (New Orleans) oder Gated Communities.
    Da Flächen aus der üblichen zweiten Dimension nur als Grenzlinien wahrnehmbar sind, eröffnet die 3. Dimension hier eine neue, globalisierte Sicht auf vormals verstecktes, undarstellbares.

  2. Pingback: Torsten Meyer » Tortendiagramme, Bauklötzer und ePUSH als Grassroot-Movement

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